Wer den Begriff Mehrwert verwendet, hat den Blick für das große Ganze verloren

Mehrwert, als Bergriff ein zentrales Streitthema der Menschen, die sich mit Medienpädagogik, Schulentwicklung und Lehrerfortbildung beschäftigen. Das sollte auch nicht verwundern, betrachtet man die Bestandteile des Wortes Mehrwert aus ihren verschiedenen Betrachtungsweisen.

Mehr…

Mehr als Wortbestandteil versucht, einen Vergleich zu ermöglichen. Doch mit was soll ich ein digital mediales Unterrichtsszenario vergleichen? Mit einem analog medialen? mit einem unmedialen? Wollen wir mediale Unterrichtsszenarien (ob digital oder analog) mit komplett unmedialen vergleichen, müssten wir in letzter Konsequenz den Schulbesuch als ganzen hinterfragen, denn jede Form von formaler Bildung ist in letzter Konsequenz medial geprägt (wie Axel Krommer hier prägnant dargestellt hat).
In der aktuellen Diskussion wird dies jedoch nicht getan, sondern oft analog mediale und digital mediale Unterrichtsszenarien miteinander verglichen und auf den Vorteil des digitalen hin untersucht. Bob Blume hat dazu passend formuliert, weshalb der Vorteil des digitalen oft nur darin zu finden ist, dass der Umgang mit digitalen Medien natürlich mitgelernt wird, man sich sozusagen dem Kulturzugangsgerät in seinem ganzen Spektrum produktiv nähert.
Oft wird jedoch auch in Hinblick auf ganz praktische Aspekte verglichen. Fragestellungen sind dabei:
– Kann ich meinen Unterricht mit weniger Zeifaufwand vorbereiten?
– Kann ich in meinem Unterricht einfacher differenzieren?
– Kann ich Leistungsüberprüfungen leichter auswerten?
– Kann ich auf Kopien verzichten?
– Kann ich Unterrichtsmaterial schneller und hübscher selbst erstellen?
– Kann ich ….?
Diese Sichtweise ist zwar oft nachvollziehbar und auch durchaus logisch, bedeutet aber zeitgleich, Argumente für Digitalverweigerer zu liefern. Denn natürlich ist die Aneignung einer neuen Arbeitstechnik zunächst mit einem Aufwand verbunden. Ich spare also nie Zeit, wenn ich einen neuen Workflow erschließe. Zumindest kurzfristig. Und das genügt oft als Argument.

…wert

Welchen Wert meine ich, wenn ich über Mehrwert argumentiere? Auch hier prallen verschiedenste Perspektiven aufeinander. Ein oft angebrachtes Totschlagargument ist den Wert des Medieneinsatzes auf der wirtschaftlichen Ebene zu diskutieren. Sätze wie „Tablets kosten zu viel und können auch nicht viel mehr als mein Buch.“ kennt wohl jeder, der ab und an auf Lehrerfortbildungen unterwegs ist. Dass es höchst fragwürdig ist, einerseits den Lobbyismus großer Konzerne im Bildungskontext zu verteufeln und gleichzeitig didaktische Überlegungen marktwirtschaftlich zu begründen, erschließt sich doch hoffentlich von selbst.
Oder meine ich den Wert für die SchülerInnen? Differenzierungsmöglichkeiten? Digitalisierung der Skinnerschen Teaching Machines? Den Wert für mich als Lehrer? Schnellere Unterrichtsvorbereitung? Besseres professionelles Standing als „Medienexperte“?

Neuwert?

Viel Verwirrung, wenig Klarheit. Ein Begriff, der nicht wirklich greifbar ist, von jedem Rezipienten anders gedeutet wird und in verschiedenen Personenkreisen verschiedenste Reaktionen auslöst. Von ausgelassener Extase, über Buzzword-Bingo bis zu Wutanfällen ist hier alles möglich. Gibt es einen besseren Begriff? Nein! Was sollten wir also tun, wenn der Begriff des Mehrwerts gebraucht wird?
Wir sollten stets beachten, wer in welchem Kontext und mit welchem Ziel diesen Begriff verwendet. Denn Mehrwert bedeutet außerhalb eines Kontextes genau nichts.

Mehrwert verwenden

Ich selbst bin kein Freund des Begriffs Mehrwert. Ich finde es schrecklich, begründen zu müssen, weshalb ich digitale Technik einsetze, während andere Kollegen nie in Argumentationsprobleme geraten, warum sie ein Buch, Arbeitsblätter oder Flipcharts verwenden.
Dennoch kann der Begriff des Mehrwerts manchmal von Vorteil sein, um absoluten Digitaleinsteigern eine neue Perspektive auf den Unterricht mit digitalen Medien zu ermöglichen.
Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen:
TeilnehmerInnen meines Workshops zum Thema Erklärvideos erstellen hatten als Aufgabe, das SAMR-Modell zu erklären und kritisch in Hinblick auf Schulentwicklung zu bewerten. Darüber hinaus sollten sie im Video eine Aufgabe an eine Fachkonferenz, Steuergruppe, etc. formulieren.

Die Schlussworte des Workshops waren: Wir haben in einer digitalen Arbeitsumgebung gearbeitet und ein digitales Lernprodukt erstellt. Trotzdem haben wir den ganzen Workshop über ein Fachgespräch über die Sache geführt. Das hat mich überrascht.

In diesem Kontext habe ich kein Problem damit, das Wort Mehrwert zu verwenden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s