Medienbildung ist schädlich

So ist zumindest der IST-Stand. Der Grund dafür liegt darin, dass die Menschen, die „Medienkonzepte“ erstellen, Lehrpläne schreiben, Wissen über Medienerziehung an der Uni verkünden, … selbst unter völlig anderen Rahmenbedingungen mit neuen Medien in Kontakt gekommen sind. Heutige Bildungsschaffende hatten bestenfalls einen gesonderten Informatikunterricht auf der weiterführenden Schule selbst genossen, aber im Normalfall geschah der Erstkontakt mit neuen Medien im Kontext des Wissenserwerbs außerhalb der eigenen Ausbildung.

Das bedeutet: Heutige Lehrer haben ihre grundlegende Arbeitsweise („Workflow“) komplett (bzw. größtenteils) analog begonnen, es haben sich Verhaltensmuster mit analogen Tools eingeschliffen. Digitale Medien werden also von den heutigen Erwachsenen bestenfalls in bestehende, analog geprägte Workflows implementiert. Es werden also vorrangig die Medien und Tools ausgewählt, die einen bisherigen, analogen Workflow 1:1 ersetzen.

Ein gutes Beispiel dazu ist das „digitale“ Schulbuch, das oft nichts mehr ist als ein PDF des analogen Buchs. Das Konzept der „Buchseite“ ist im digitalen Zeitalter nicht mehr von Nöten. eReader (Kindle, …) machen es vor. Hier werden Lesepositionen lediglich nach Kapiteln unterschieden.

Lädt man bei Schulbuchverlagen als Lehrer das digitale Lehrerhandbuch herunter (was man für viel Geld zusätzlich kaufen muss), bekommt man nicht selten einen Schwall Dateien, die so benannt sind:

Bildschirmfoto 2016-02-17 um 14.11.07

Nein, die Ziffern beziehen sich nicht auf die Buchseiten im Lehrwerk (was noch sinnvoll wäre), sondern beschreiben die Seitenangaben im gedruckten Lehrerhandbuch. Was hier falsch ist, muss man hoffentlich niemandem erklären.

Auch hier wird wieder ein analoges Medium (Ein Lehrerhandbuch mit Seiten) 1:1 als „digitale“ Kopie angeboten, ohne über den Nutzen und die Vorteile der Digitalisierung nachzudenken.

Wie kann es sein, dass in einer Broschüre über Handynutzung für 5.-Klässler der Begriff Bluetooth mit „Damit kannst du kostenlos Filme und Musik versenden und empfangen.“ erklärt wird? Will man die Kinder zum Filesharing erziehen? Die Intention ist das (hoffentlich) nicht, aber es wird auch hier deutlich, dass diese Broschüre von Menschen verfasst wurde, bei denen das Handy in einen bereits bestehenden Workflow eingefügt wurde. Dieser Personenkreis hat vermutlich Bluetooth für eben diese Tätigkeiten genutzt, also kann auch nur das den Schülern erklärt werden.

Einen Ausweg kann ich nicht aufzeigen, aber klar ist, dass Medienbildung neu gedacht werden muss und nicht als bloßer Ersatz für bereits bestehende Arbeitsweisen. Denn dann fehlt schlicht der Mehrwert.

  • Wozu benötige ich ein Interactive Whiteboard, wenn ich die gleichen Dinge anzeichne wie an einer Kreidetafel?
  • Wozu setze ich den PC ein, wenn die Schüler dort einen Text schreiben, den sie ebenso und vermutlich schneller (Anmelden im Schulnetzwerk, Booten der Schul-PCs, …) auf einem Blatt Papier schreiben?
  • Wozu lasse ich Schüler im Internet Informationen suchen, wenn diese ebenso im Schulbuch in ihrem Rucksack stehen?

Hier überall fehlt es an Mehrwert. Und damit ist der Medieneinsatz oft nicht mehr als Reduzierung der effektiv nutzbaren Lernzeit. Denn dem Gehirn der Schüler ist es ziemlich egal, ob sie einen Text bei Wikipedia oder in ihrem Schulbuch lesen. Das Gehirn arbeitet immer gleich.

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