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Jan Weber

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Material zu Kompetenznachweisen

Im Rahmen der Fachkonferenz Naturwissenschaften an der Inselschule Borkum wird das Konzept der Kompetenztests als alternatives Prüfungsformat im Mathematikunterricht vorgestellt und diskutiert. Dazu wird folgendes Material zur Verfügung gestellt:

Das Slinky-Theorem der Schul- und Unterrichtsentwicklung

Ein Slinky ist ein bekanntes und beliebtes Spielzeug, in seinem Kern jedoch letztlich eine Spiralfeder in buntem, attraktiven Gewand. Halte ich diese am oberen Ende fest, hängt sie – getrieben durch die Schwerkraft – schlaff nach unten. Möchte ich die Form von unten verändern, ist stets ein Kraftaufwand nötig. Ob ich nach oben drücke oder von unten ziehe. Soll sich die Feder in ihrem Aussehen radikal verändern und neu ausrichten, gelingt dies nur, wenn ich das obere Ende los lasse. Ich gebe der Feder also mehr Freiraum. Die Veränderung passiert ganz automatisch und natürlich durch die äußeren Umstände.

Eben dieses Verhalten des Slinky beschreibt die Schul- und Unterrichtsentwicklung erstaunlich treffend. Alle Maßnahmen einzelner Lehrer ändern letztlich nicht das System. Tablet-Klassen, Leuchtturmprojekte, alternative Leistungsmessungen, Schülerpartizipation, Project Based Learning, agile Didaktik, Öffnung des Unterrichts, … Sie verschieben Rahmenbedingungen durch Druck oder Sog minimal von unten, doch von Weitem betrachtet verändert das System „Schule“ sein Aussehen nicht. Ein steter Kraftaufwand ist nötig, um als Einzelkämpfer gegen das herrschende System zu bestehen. Lässt dieser Kraftaufwand nach, so geht das System – völlig unbeeindruckt – in seinen Ursprungszustand zurück. Die viel geforderte Nachhaltigkeit wird so keinesfalls erreicht.

Was nötig ist, sind systemische Anreize „von oben“, die mehr Freiraum zulassen und so eine Entwicklung des Systems Schule zu einer im aktuellen gesellschaftlichen Kontext relevanten Institution zu gewährleisten und eine zukünftige, kontinuierliche Weiterentwicklung zu begünstigen.
Doch was soll der Einzelkämpfer im Lehrerkollegium mit dieser Erkenntnis anfangen? Wie gehen wir damit um? Den Kopf in den Sand stecken?

Schauen wir uns das System Schule zunächst genauer an. Denn wer etwas verändern will, sollte zunächst einmal wissen, was er verändern will. Das Schulsystem wie wir es heute kennen hat seine Wurzeln in einer Zeit des Umbruchs, der Veränderung und der gesellschaftlichen Unsicherheit. Humboldt, Freiherr vom Stein und die französische Revolution sind hier nur einige Schlagworte, die einen gesellschaftlichen Wandel zu mehr Eigenverantwortung aufzeigen. Dass die Schule heute nicht dem damals gewünschten Ideal entspricht ist kurz und knapp den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geschuldet. Diese sind direkt mit dem kulturellen Einfluss des Buchdrucks verbunden. Das Schulsystem, wie wir es bis heute vorfinden, ist also ein auf dem Buchdruck fußendes Gebilde. Dies zeigt sich an einigen Analogien. So ist das Buch durch meist einen (selten auch mehrere) Autor(en) bestimmt. Der Inhalt ist klassischer Weise linear aufgebaut und folgt einem klaren, dem jeweiligen Genre entsprechenden Muster. Und eben so funktioniert auch die Schule. Sie ist von einem Lehrer bestimmt, der die Inhalte in linearer Abfolge darbietet. Jede Unterrichtsstunde entspricht einem klar definierten Muster. Oft müssen diese im Rahmen der Lehrerausbildung noch minutengenau geplant werden.
Auf einen Vergleich des Verlagswesens mit dem Bildungsföderalismus möchte ich an dieser Stelle verzichten.

Unsere heutige Gesellschaft fußt zwar noch immer auf den Erfindungen von Gutenberg, doch haben Computer und Netzwerke eine viel höhere Bedeutung für die Abläufe des alltäglichen Lebens. Man könnte also sagen, wir leben heute in einer Turing-geprägten Welt. Texte sind digital anders als ein gedrucktes Buch. Sie können dezentral, kollaborativ geschrieben sein. Haben also oft keinen klaren Autor und es wird kein Gatekeeper (Verlag) benötigt, der über eine Veröffentlichung entscheidet. Texte im Netz sind grundsätzlich nicht linear und ist ein Text doch linear, so muss er nicht so gelesen werden. Querverweise, mediale Brüche aus Text, Bildern, Audio und Video sind keine Seltenheit. Es gibt kein klares Muster.
Ein Unterricht, der dieser Kultur entspringt hätte vermutlich ziemlich wenig mit dem gemein, was wir heute in deutschen Schulen erleben. Es gäbe nicht den einen Lehrer, der alle Aufgaben von Erklären über Beraten bis Prüfen in sich vereint. Es gäbe keine so klaren zeitlichen Strukturen

Wer den Begriff Mehrwert verwendet, hat den Blick für das große Ganze verloren

Mehrwert, als Bergriff ein zentrales Streitthema der Menschen, die sich mit Medienpädagogik, Schulentwicklung und Lehrerfortbildung beschäftigen. Das sollte auch nicht verwundern, betrachtet man die Bestandteile des Wortes Mehrwert aus ihren verschiedenen Betrachtungsweisen.

Mehr…

Mehr als Wortbestandteil versucht, einen Vergleich zu ermöglichen. Doch mit was soll ich ein digital mediales Unterrichtsszenario vergleichen? Mit einem analog medialen? mit einem unmedialen? Wollen wir mediale Unterrichtsszenarien (ob digital oder analog) mit komplett unmedialen vergleichen, müssten wir in letzter Konsequenz den Schulbesuch als ganzen hinterfragen, denn jede Form von formaler Bildung ist in letzter Konsequenz medial geprägt (wie Axel Krommer hier prägnant dargestellt hat).
In der aktuellen Diskussion wird dies jedoch nicht getan, sondern oft analog mediale und digital mediale Unterrichtsszenarien miteinander verglichen und auf den Vorteil des digitalen hin untersucht. Bob Blume hat dazu passend formuliert, weshalb der Vorteil des digitalen oft nur darin zu finden ist, dass der Umgang mit digitalen Medien natürlich mitgelernt wird, man sich sozusagen dem Kulturzugangsgerät in seinem ganzen Spektrum produktiv nähert.
Oft wird jedoch auch in Hinblick auf ganz praktische Aspekte verglichen. Fragestellungen sind dabei:
– Kann ich meinen Unterricht mit weniger Zeifaufwand vorbereiten?
– Kann ich in meinem Unterricht einfacher differenzieren?
– Kann ich Leistungsüberprüfungen leichter auswerten?
– Kann ich auf Kopien verzichten?
– Kann ich Unterrichtsmaterial schneller und hübscher selbst erstellen?
– Kann ich ….?
Diese Sichtweise ist zwar oft nachvollziehbar und auch durchaus logisch, bedeutet aber zeitgleich, Argumente für Digitalverweigerer zu liefern. Denn natürlich ist die Aneignung einer neuen Arbeitstechnik zunächst mit einem Aufwand verbunden. Ich spare also nie Zeit, wenn ich einen neuen Workflow erschließe. Zumindest kurzfristig. Und das genügt oft als Argument.

…wert

Welchen Wert meine ich, wenn ich über Mehrwert argumentiere? Auch hier prallen verschiedenste Perspektiven aufeinander. Ein oft angebrachtes Totschlagargument ist den Wert des Medieneinsatzes auf der wirtschaftlichen Ebene zu diskutieren. Sätze wie „Tablets kosten zu viel und können auch nicht viel mehr als mein Buch.“ kennt wohl jeder, der ab und an auf Lehrerfortbildungen unterwegs ist. Dass es höchst fragwürdig ist, einerseits den Lobbyismus großer Konzerne im Bildungskontext zu verteufeln und gleichzeitig didaktische Überlegungen marktwirtschaftlich zu begründen, erschließt sich doch hoffentlich von selbst.
Oder meine ich den Wert für die SchülerInnen? Differenzierungsmöglichkeiten? Digitalisierung der Skinnerschen Teaching Machines? Den Wert für mich als Lehrer? Schnellere Unterrichtsvorbereitung? Besseres professionelles Standing als „Medienexperte“?

Neuwert?

Viel Verwirrung, wenig Klarheit. Ein Begriff, der nicht wirklich greifbar ist, von jedem Rezipienten anders gedeutet wird und in verschiedenen Personenkreisen verschiedenste Reaktionen auslöst. Von ausgelassener Extase, über Buzzword-Bingo bis zu Wutanfällen ist hier alles möglich. Gibt es einen besseren Begriff? Nein! Was sollten wir also tun, wenn der Begriff des Mehrwerts gebraucht wird?
Wir sollten stets beachten, wer in welchem Kontext und mit welchem Ziel diesen Begriff verwendet. Denn Mehrwert bedeutet außerhalb eines Kontextes genau nichts.

Mehrwert verwenden

Ich selbst bin kein Freund des Begriffs Mehrwert. Ich finde es schrecklich, begründen zu müssen, weshalb ich digitale Technik einsetze, während andere Kollegen nie in Argumentationsprobleme geraten, warum sie ein Buch, Arbeitsblätter oder Flipcharts verwenden.
Dennoch kann der Begriff des Mehrwerts manchmal von Vorteil sein, um absoluten Digitaleinsteigern eine neue Perspektive auf den Unterricht mit digitalen Medien zu ermöglichen.
Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen:
TeilnehmerInnen meines Workshops zum Thema Erklärvideos erstellen hatten als Aufgabe, das SAMR-Modell zu erklären und kritisch in Hinblick auf Schulentwicklung zu bewerten. Darüber hinaus sollten sie im Video eine Aufgabe an eine Fachkonferenz, Steuergruppe, etc. formulieren.

Die Schlussworte des Workshops waren: Wir haben in einer digitalen Arbeitsumgebung gearbeitet und ein digitales Lernprodukt erstellt. Trotzdem haben wir den ganzen Workshop über ein Fachgespräch über die Sache geführt. Das hat mich überrascht.

In diesem Kontext habe ich kein Problem damit, das Wort Mehrwert zu verwenden.