Flipped Classroom – and beyond

Irrwege der Digitalen Bildung

Schulentwicklung wird wieder groß geschrieben. Sie ist nicht nur in Lehrerzimmern und Kongressen auf der Tagesordnung, auch die Politik hat das Thema Bildung wieder für sich entdeckt. The Hype is Real.

Schulentwicklungsprojekte und damit oft verbundene Hashtags gibt es zu Hauf, auf den ersten Blick unterscheiden sie sich vielmals recht deutlich. Doch bei genauerer Betrachtung fußen sie alle auf der gleichen Prämisse, dass das Lernen und damit auch das (gesellschaftliche) Leben unter den Bedingungen der grenzenlosen Vernetztheit 1völlig neue Bahnen einschlägt. Allgemein anerkannt sind dabei die 4K des 21. Jahrhunderts, also die grundlegenden Kompetenzen, die für ein Leben in künftigen Gesellschaftsstrukturen unabdingbar sein werden. Dazu kommen dann oft weitere gemeinsame Ziele wie die Selbstbestimmung, Prozessorientierung oder Fehlerkultur. Diese Kompetenzen sind keine neue Erfindung, doch unter den Bedingungen der Vernetztheit erfahren diese einen neuen, deutlich höheren Stellenwert als bisher.

Doch die Schulentwicklung unter dem Oberbegriff der digitalen Bildung verlief bislang nicht reibungslos. Ein Blick in die letzten Jahre mit ihren Tablet-Klassen und Interaktiven Whiteboards lässt das Digitalisierungsherz schnell höher schlagen. Doch nur, weil die Schüler eine PDF Datei auf einem Touchscreen ausfüllen, statt den gleichen Lückentext mit dem Bleistift zu bearbeiten, ist noch lange keine Schulentwicklung passiert.2 Gleiches gilt für Apps und digitale Schulbücher oder Unterrichtsassistenten. Nur, weil etwas digital ist, ist es nicht gleich besser.

Es wird also deutlich, dass die digitalen Tools sinnvoller eingesetzt werden müssten. Und was ist schon sinnvoller, als Interaktion, Rätselspaß, Punkte sammeln und besser sein als der Sitznachbar? Quizzes müssen also her. Ob Kahoot, Quizlet oder pingo spielt dabei auch erstmal keine Rolle. Man kann mit dem Tablet in der Hand und dem Smartboard an der Wand rätseln und alle SchülerInnen freuen sich. Die LehrerInnen freuen sich auch, denn sie sehen – total quantifiziert – wie ihre Schützlinge von Durchgang zu Durchgang bessere Scores erzielen. YEAH!

Davon sind wir so nicht weit entfernt.

Prüfungen als Rahmen pädagogischen Handelns

Wir sind gerade dabei, die

Zukunft der Schule

zu festigen, statt eine

Schule der Zukunft

zu errichten.

Schulentwicklung findet nicht statt. Schulentwicklung bedeutet, sich stets zu hinterfragen. Welche Antworten hat die Schule auf die immer schwächere Fokussierung von Gesellschaft und Wirtschaft auf Zeugnisnoten? Wie gehen wir mit heterogenen Gruppen und unterschiedlichen Interessenschwerpunkten um? Nie gab es eine so große Breite an Ausbildungsberufen und Zukunftsvisionen, mit der die heutigen SchülerInnen in ihrer Lebenswirklichkeit in Kontakt kommen werden. Und da sind zentrale Abschlussprüfungen mit Ziffernnoten die richtige Antwort?3

Die Aufgabe der LehrerInnen und ein Maß für ihren Erfolg ist das durch Prüfungsnoten bezifferte Abschneiden ihrer SchülerInnen. Wie soll dann echte Schulentwicklung stattfinden, wenn doch der Zwang der Prüfung zum Tag X als Damoklesschwert über der Unterrichtsplanung schwebt? Es ist nur logisch und auch richtig, seinen Unterricht danach auszurichten und Klassenarbeiten im gleichen Format der Abschlussprüfungen schreiben zu lassen. Man möchte seine SchülerInnen schließlich bestmöglich vorbereiten. Wenn wir also digitale Tools einsetzen, dann nur so, dass sie den SchülerInnen im Sinne des schulischen Erfolgs einen Mehrwert4 bieten. Denn schulischer Erfolg ist das einzige, was in der Schule zählt. Schulen aller Bundesländer brüsten sich damit, die besten Ergebnisse bei Abschlüssen zu erzielen und spielt da eine Schule nicht mit, leidet sie unter schwindenden Anmeldezahlen und ihr droht die Schließung.

Wenn die Masse an Lehrkräften also wirklich an Unterrichtsentwicklung beteiligt sein soll, müssen Prüfungsformate in den Fokus gerückt werden.

Klassenarbeiten durch passende Prüfungsformate ersetzen

Unterricht, der Kollaboration, Kreativität, Selbstverantwortung und eine positive Fehlerkultur fördern soll, kann nicht mit einer Klassenarbeit enden, die in Einzelarbeit von allen zum gleichen Zeitpunkt geschrieben wird.

Prüfungen sollten den Unterricht abbilden.

Wenn Unterricht flächendeckend weiterentwickelt werden soll, braucht es neue Prüfungsformate.

Es wird nicht das eine Prüfungsformat geben, dass auf jede Situation und jede Lerngruppe die richtige ist. Fächerübergreifende Projekte brauchen andere Formate als der fachgebundene Mathematikunterricht. Der Weg, bis Unterricht wirklich flächendeckend reformiert ist, wird ein langer sein. Daher kann die Erwartung nicht sein, neue Konzepte zu entwickeln, die im Jahr 2018 schon die Zukunft des Unterrichts im Jahr 2038 vorhersagen und unverändert weiterbestehen können. Aber genau deshalb ist es jetzt besonders wichtig, mit den richtigen Schritten zu beginnen.

Kompetenznachweise im Flipped Classroom

Der Flipped Classroom (FC) ist für mich ein wunderbarer Rahmen, in dem der Unterricht schülerzentriert, selbstorganisiert und mit positiver Fehlerkultur organisiert werden kann. Der FC ist mit Sicherheit nicht die eierlegende Wollmilchsau für jede Lerngruppe, für jedes Fach und erst recht nicht für die ferne Zukunft. Der Weg in die Zukunft wird uns über eine immer stärkere Verschmelzung bis zur Auflösung der Unterrichtsfächer führen. Nicht jedoch, ohne auf fachlichkeit zu verzichten. Der FC geht jedoch von einer Prämisse aus, die die Zukunft prägen wird: Bloßes Faktenwissen ist immer und überall verfügbar. Das bloße zeitliche und räumliche flippen ist aber nur ein erster, kleiner Schritt zu einer neuen Lernkultur. Ein positiver Umgang mit Fehlern kann nicht durch eine summative Klassenarbeit am Ende einer Unterrichtsreihe gefördert werden. Daher sollten die SchülerInnen von Micro-Prüfungen im Lernprozess begleitet werden. Diese nach 3 Kompetenzstufen geordneten Micro-Prüfungen funktionieren nach dem Prinzip des Formative Assesments. Die SchülerInnen bestimmen jedoch ihren Prüfungszeitpunkt selbst. So können besonders starke SchülerInnen mehr Zeit in die Aufgaben oder Projekte des oberen Anforderungsbereichs stecken, während schwächere Schüler mehr Zeit haben, die Basis auf unteren Niveaus wirklich zu durchdringen.

Kompetenznachweise sind erst dann bestanden, wenn sie wirklich fehlerfrei abgelegt werden.5 In der Praxis hat sich jedoch ein Wert von 80% als praktikabel erwiesen, um das Voranschreiten nicht von Flüchtigkeitsfehlern abhängig zu machen. Die Kompetenznachweise sollten sie beliebig oft wiederholen können. Gerade nicht bestandene Kompetenznachweise sind ein idealer Beratungsansatz, um über Stärken und Schwächen bezogen auf die fachliche Leistung, aber auch auf die Person und ihr Verhalten (Selbstorganisation, Selbsteinschätzung, …) zu sprechen. Kompetenznachweise können Klassenarbeiten komplett ersetzen. Zu Beginn der Einführung des FC mit Kompetenznachweisen habe ich parallel klassische Klassenarbeiten am Ende eines Themas geschrieben. Es zeigte sich aber, dass die vorher nachgewiesenen Kompetenzbereiche deckungsgleich in der Klassenarbeit auftraten und daher eine Notengebung auch unabhängig von Klassenarbeiten zum gleichen Ergebnis führt, aber mindestens 2 Stunden mehr Lernzeit durch Wegfall der Klassenarbeit und deren Nachbesprechung blieben.

Natürlich ist auch diese Form der Leistungsüberprüfung nicht frei von Kritik. Was macht man mit SchülerInnen, die auch nach Ende der Unterrichtseinheit das Anforderungsniveau 1 nicht erfüllen? Ist es gerecht, wenn SchülerInnen zu unterschiedlichen Zeitpunkten Prüfungen ablegen? Ist es gerecht, dass Kompetenznachweise wiederholt werden dürfen? Natürlich gäbe es auf all diese Fragen auch Antworten, doch diese sind im bestehenden System nicht umsetzbar. Wir können uns nicht anmaßen, das perfekte System für die ferne Zukunft schon jetzt zu entwickeln, aber alle Schritte, die wir jetzt machen, müssen die richtige Richtung vorgeben.

Grenzen der Kompetenznachweise – Blick in die Zukunft

Ein Blick in die Zukunft: Schülerinnen und Schüler arbeiten nur noch in agil organisierten Projekten, ohne festen Stundenplan in völliger Selbstverantwortung in wechselnden Gruppen jahrgangsübergreifend zusammen. Dass in einem solchen Setting oben beschriebenes Vorgehen nicht mehr umzusetzen ist, versteht sich. Doch der Weg der Micro-Prüfungen ist auch dahin der richtige. Nimmt sich einer Schülergruppe einem Projekt mit dem Oberthema Die Römer an, so wird auch dies nicht ohne fachliche Aspekte geschehen. Es ist dabei durchaus denkbar, dass die Schüler einen Auftrag wie folgt erhalten:

… die Römer. Während eurer Projektarbeit erwerbt ihr grundlegende Kompetenzen in folgenden Bereichen: Mathematik (römische Zahlen), Geschichte (die Geschichte Roms), Physik (Kraftverteilung an Rundbögen), Biologie (Herausforderungen der Wasserzufuhr), … In allen Bereichen müsst ihr zum Projektende Kompetenzen auf Niveau 1 nachweisen. Ihr sollt jedoch einen fachlichen Schwerpunkt wählen und diesen weiter vertiefen.

Ist Unterricht so gestaltet, hat eine Klassenarbeit keinen Platz. Wir müssen neue Formen der Leistungsmessung und -rückmeldung finden. Die Existenz von Ziffernnoten ist langfristig zu hinterfragen.6

  1. Oft wird hier auch von Bedingungen der Digitalität gesprochen. Ich bin zwar kein großer Fan von Buzzword-Bingo, doch Digitalität allein ist für den Prozess des gesellschaftlichen Wandels nicht verantwortlich. Die Möglichkeit, jederzeit mit jedem Menschen auf der Welt vernetzt zu sein, bringt die eigentliche Veränderungen.
  2. Wie Digitalisierung schlechte Didaktik verfestigt
  3. Tablets im Prüfungsmodus als zeitgemäße Prüfungsformate?
  4. Achtung, Buzzword-Bingo!
  5. Let‘s teach for mastery – not test scores
  6. Man muss sie nicht gleich mit „… kann gut mit der Farbe Lila umgehen.“ ersetzen.

Physik mit Finch

Die Ferien stehen vor der Tür. Themen alle durch und noch Zeit für fächerübergreifende MINT-Projekte?

  1. Auf finchrobot.com einen Finch Roboter bestellen.
  2. Scratch auf den Computern installieren.
  3. Physik mit Finch machen.

Die hier verlinkten Arbeitsblätter zielen darauf ab, modellhaft bestimmte Bewegungsabläufe mit dem Finch darzustellen und die Richtigkeit zu überprüfen. Dabei ist hier zunächst die gleichmäßig beschleunigte und die Kreisbewegung darzustellen. Vorangestellt ist eine Erklärungseinheit, auf der Quellen zu physikalischen Phänomenen und einem Programmierkurs für Scratch besprochen werden können. Hier gibt es die Arbeitsblätter für die ersten drei Einheiten:

Physik mit Finch

Was ist DigitaleBildung?

DigitaleBildung, 4kDE, Bildung in der digitalisierten Welt, wenn man den aktuellen Diskurs zur Schulentwicklung verfolgt, gibt es sicherlich noch mehr Buzzwords, mit denen man die Diskussion anreichern kann. Doch was steckt hinter den Schlagwörtern? Was meint man, wenn man über #DigitaleBildung spricht? Worum dreht es sich bei Bildungskongressen, #excitingedu, #edchatde, #relichat, usw. denn im Kern? Ist es das Ziel, ein iPad an jeden Schüler zu verteilen und dann Schulbücher als PDF-Dateien oder in einer properitären App aufzurufen? Weiterlesen „Was ist DigitaleBildung?“

Medienkonsum – Expertin warnt vor Smartphones / Kommentar

Ich beziehe mich auf einen Artikel von nwzonline am 11. März.  Zum besseren Verständnis hier in Auszügen zitiert.

„Wir müssen den Lehrern die Angst vor den neuen Medien nehmen“, hatte Eyk Franz, einer der Organisatoren der Tagung, betont.

Interessant und wichtig ist hierbei zu betonen, welche Angst gemeint ist und wovor man Angst haben könnte. Die Angst vor Verblödung? Die Angst, dass die SchülerInnen lieber snapchatten statt dem Lehrervortrag zu folgen? Die Angst vor Überforderung? Die Angst, neues lernen zu müssen? Die Angst, dass die Schule ihre Wissenshoheit verliert und ihr Selbstverständnis neu überdenken muss? Weiterlesen „Medienkonsum – Expertin warnt vor Smartphones / Kommentar“

#edchatde Nachlese: Stress- und Zeitmanagement für Lehrer

F1 Der Lehrerberuf ist sehr stressig, wird ständig mehr mit Aufgaben überfrachtet, kaum zu schaffen: Stimmt’s? Konkret bitte! #EDchatDE
Das stimmt mit Sicherheit. Teilweise. Ich bin noch nicht lange genug im Beruf, um wirklich eine Entwicklung über Jahrzehnte hinweg reflektieren zu können. Doch das können andere aus dem #edchatde, wie @urshenning.

Weiterlesen „#edchatde Nachlese: Stress- und Zeitmanagement für Lehrer“